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Zündstoff · 21.06.2025 · Sandra Gnoth und Roland Schmidkunz

Lost in KPIs

Wenn jede Kennzahl im Zielkorridor liegt und der Kunde trotzdem geht: über eine Steuerung, die sich selbst bestätigt — und über den Weg zurück zu Zahlen, die eine Entscheidung auslösen.

Lost in KPIs — Beitragsbild aus dem ZEITGEIST Blog

Das Dashboard ist grün. Der Kunde ist es nicht.

In vielen Service-Organisationen ist die Lage paradox: Die Erreichbarkeit liegt im Zielkorridor, die durchschnittliche Bearbeitungszeit sinkt seit mehreren Quartalen, das Service Level ist grün. Und trotzdem wächst die Zahl der Kunden, die ein zweites Mal anrufen müssen, die eskalieren oder die still verschwinden. Die Zahlen sagen: alles in Ordnung. Der Kunde sagt etwas anderes.

Der Grund dafür liegt selten in falscher Messung. Er liegt darin, was gemessen wird. Die meisten Kennzahlen im Kundenservice beschreiben, wie schnell und wie reibungslos der eigene Apparat arbeitet — nicht, ob das Anliegen des Kunden erledigt ist. Ein Anruf, der in 3:40 Minuten beendet wurde, ist nach dieser Logik ein guter Anruf. Auch dann, wenn der Kunde am nächsten Tag wieder anruft.

Kennzahlensysteme wachsen historisch. Jede einzelne Zahl hatte einmal einen guten Anlass: ein Projekt, eine Eskalation, eine Vorstandsfrage. Niemand hat sie später wieder abgeschafft. Was bleibt, ist ein Bericht, den alle lesen, aber keiner mehr interpretiert — und eine Organisation, die ihre Steuerung mit ihrer Berichterstattung verwechselt.

Vier Fallen, die wir immer wieder sehen

Nicht die Existenz von Kennzahlen ist das Problem, sondern ihre stille Eigendynamik. Diese vier Muster begegnen uns in fast jeder Service-Organisation, unabhängig von Branche und Größe.

Die Zahl misst den Vorgang, nicht das Ergebnis

Bearbeitungszeit, Erreichbarkeit, Nachbearbeitungszeit: Alles davon beschreibt die Mechanik des Kontakts. Ob das Anliegen gelöst wurde, ob der Kunde verstanden hat, was als Nächstes passiert, ob er noch einmal anrufen muss — davon steht im Bericht nichts. Effizienz wird gemessen, Wirkung wird vermutet.

Jede Kennzahl erzeugt ein Ausweichverhalten

Wer die Gesprächszeit hart steuert, bekommt kürzere Gespräche — und mehr Wiederanrufe. Wer die Erstlösungsquote zur Zielgröße macht, bekommt Fälle, die schnell als gelöst geschlossen werden. Mitarbeitende optimieren nicht aus Bosheit auf die Zahl, sondern weil die Zahl das Einzige ist, wonach sie beurteilt werden.

Das Dashboard wächst, die Entscheidung schrumpft

Wenn dreißig Werte gleichrangig nebeneinanderstehen, gibt es keine Priorität mehr. In der Runde findet dann jeder die Zahl, die seine Position stützt. Diskutiert wird über die Herkunft der Daten statt über die Konsequenz — und am Ende bleibt alles, wie es war.

Niemand besitzt die Zahl

Eine Kennzahl ohne benannte Verantwortung und ohne hinterlegte Entscheidung ist Reporting, kein Steuerungsinstrument. Die erste Frage in unseren Projekten lautet deshalb nicht ‚Wie messen Sie das?‘, sondern ‚Wer handelt, wenn dieser Wert kippt — und was genau tut diese Person dann?‘

Eine Kennzahl, die keine Entscheidung auslöst, ist keine Kennzahl. Sie ist Dekoration.

Der Test ist unbequem, aber schnell: Streichen Sie eine Zahl aus dem Bericht und beobachten Sie, ob jemand sie vermisst.

Aus einem Projekt

Zwei Stunden mithören — und alles sieht anders aus

Bei einem unserer Mandanten fand kürzlich der Kick-off eines Optimierungsprojekts im Kundenservice statt. Neben den Serviceverantwortlichen waren IT, Prozessmanagement, Steuerung und Reporting eingeladen. Ein zentraler Programmpunkt: das Mithören echter Kundentelefonate. Zunächst war die Skepsis groß — volle Terminkalender, viele Mails, und das Thema kennt man ja. Trotzdem nahmen sich die Teilnehmenden zwei Stunden Zeit und hörten direkt neben Servicemitarbeitenden zu.

Das Ergebnis war beeindruckend: Optimierungspotenziale, strategische Fragen und echte Aha-Momente. Ein Teilnehmer formulierte es so: „Wie kann uns so etwas passieren? Wir arbeiten täglich am Service – und wussten nicht, was hier wirklich passiert.“ Eine andere Stimme meinte: „Wie konnten wir den Service so stark reduzieren, ohne es zu merken?“

Die eigentliche Frage ist nicht, warum dieser Abstand entstanden ist, sondern wie man ihn dauerhaft klein hält — durch regelmäßige Nähe zum operativen Geschehen statt durch ein weiteres Reporting.

Grafisches Zeitmotiv aus der ZEITGEIST Bildwelt

Zeit ist die beliebteste Zahl — und die trügerischste

Zeitgrößen sind attraktiv, weil sie sauber erhoben werden können, sich tagesaktuell vergleichen lassen und in jedem System bereitstehen. Genau darin liegt ihre Gefahr: Sie werden gesteuert, weil sie verfügbar sind, nicht weil sie das Wichtigste beschreiben.

Sinnvoll wird eine Zeitgröße erst im Paar. Bearbeitungszeit neben Wiederkontaktquote. Erreichbarkeit neben der Frage, wie viele Anliegen beim ersten Kontakt tatsächlich abgeschlossen waren. Erst dieses Gegenüber zeigt, ob eine Verbesserung echt ist oder ob sie nur an anderer Stelle Kosten erzeugt hat, die in keinem Bericht auftauchen.

Wie Führung nah an der Basis bleibt

Keine große Initiative, sondern Routinen, die sich in den Führungsalltag einbauen lassen.

Hands-on-Tage

Regelmäßig selbst im Kundensupport mitarbeiten — am Telefon, per E-Mail oder im Chat. Einzelne Fälle und Eskalationen vollständig selbst zu Ende bringen.

Shadowing

Mitarbeitende bei Kundengesprächen begleiten und dabei zuhören statt zu bewerten. Was im Gespräch stolpert, steht in keinem Bericht.

Feedbackrunden und Einzelgespräche

Regelmäßige Runden mit Fokus auf Kundenfeedback und Prozessfragen, dazu persönliche Gespräche mit einzelnen Teammitgliedern und anonyme Umfragen für ehrliche Rückmeldungen.

Kundenstimmen und Werte zusammen lesen

NPS und CSAT regelmäßig auswerten, Bewertungen und Beschwerden ernst nehmen und den direkten Austausch mit Kundengruppen suchen.

Werkzeuge selbst erleben

CRM und Helpdesk auch aus Führungsperspektive nutzen, Chatbot und Self-Service einmal wie ein Kunde durchlaufen — und Workshops mitgestalten statt nur moderieren.

Ein Kennzahlenbild, das trägt

Wir bauen Steuerungssysteme nicht größer, sondern schärfer. Vier Schritte, die wir in dieser Reihenfolge gehen — keiner davon lässt sich überspringen.

  1. 01

    Zweck klären

    Zu jeder Zahl notieren wir, welche Entscheidung sie auslösen soll und wer diese Entscheidung trifft. Alles, wofür sich diese beiden Angaben nicht ausfüllen lassen, ist ein Kandidat für die Streichliste. Meist trifft das auf die Hälfte des Berichts zu.

  2. 02

    Auf Leitgrößen reduzieren

    Eine Führungsrunde kann eine Handvoll Werte ernsthaft verhandeln, nicht dreißig. Wir bestimmen gemeinsam, welche wenigen Größen den Kundenerfolg tatsächlich abbilden — und ordnen alles Weitere als Diagnosewerte darunter, die nur bei Abweichungen geöffnet werden.

  3. 03

    Gegenzahl mitführen

    Jede Effizienzgröße bekommt eine Wirkungsgröße an die Seite, die ihren Nebeneffekt sichtbar macht. So kann keine Verbesserung mehr gefeiert werden, die an anderer Stelle Aufwand oder Unzufriedenheit erzeugt. Das ist der wirksamste Einzelschritt gegen Kennzahlenkosmetik.

  4. 04

    Im Kontakt gegenprüfen

    Zahlen erklären nicht, warum etwas passiert. Wir hören Gespräche mit, lesen Fälle und sprechen mit Mitarbeitenden aus der ersten Reihe. Erst die Verbindung aus Kennzahl und Fallverständnis macht aus einer Abweichung eine Maßnahme, die im Alltag standhält.

Über Ihre Kennzahlen sprechen

Ein Gespräch, in dem wir Ihre aktuelle Steuerung durchgehen: Welche Zahlen führen, welche nur mitlaufen und an welcher Stelle Ihnen die Wirkung beim Kunden fehlt. ZEITGEIST Beratungsmanufaktur, Winterhuder Weg 29, 22085 Hamburg.